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Krisen meistern – Vom Umgang mit Praxisschieflagen I

Mai 2013 30

Erschienen in "Sanierung Freiberufler und wirtschaftlich Selbständige", Finanz Colloquium Heidelberg, 15.11.2012

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Stephan Kock, Geschäftsführer Kock + Voeste GmbH


(Auszug)
Einleitung

Auch in Deutschland bringt die angespannte Wirtschaftslage immer mehr Ärzte und Zahnärzte in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Anzahl der Praxen, die unter Bankenaufsicht stehen, nimmt stetig zu. Viele Praxisinhaber und -inhaberinnen (der Einfachheit halber nachfolgend nur Praxisinhaber) fühlen sich zunehmend fremdbestimmt und persönlich eingeschränkt. Eine steigende Anzahl an Wettbewerbern, fehlende Patientenneuzugänge, ein verändertes Marktumfeld, sinkende Patientenzahlen und zu hohe Privatentnahmen sind die Hauptgründe dafür.
Zusätzlich belasten Dokumentations- und Qualitätsmanagementauflagen, Bürokratie, anspruchsvollere Patienten, Abrechnungsveränderungen im gesetzlichen und privaten Bereich, Führungs- und Administrationsaufgaben sowie Gesundheitsgesetze in immer kürzeren Intervallen. Schieflagen deutscher Arzt- und Zahnarztpraxen sind heute keine Seltenheit mehr.
Aber nicht alle Praxisschieflagen sind von äußeren Faktoren abhängig, oftmals sind Schieflagen struktureller Natur. Praxisinhaber sehen sich stetig steigendem Druck zur Leistungsoptimierung ausgesetzt, da das Umfeld und die Anforderungen immer komplexer werden.

Viele Praxen leiden unter Kostendruck, der durch Honorardeckelungen und Preissteigerungen angetrieben wird und den Arzt wie einen “Hamster“ im Rad laufen lässt. Zudem sind die Praxisinhaber nicht wirtschaftlich ausgebildet, was das Agieren in dem wettbewerbsgesteuerten System erschwert.

Krisen gehören vor diesem Hintergrund zu wahrscheinlichen Begleiterscheinung eines freiberuflichen, ärztlichen Daseins. Das Meistern derselben ist dabei schwierig, weil nicht erlernt.

Der Umgang mit Praxisschieflagen umfasst alle Maßnahmen, die zur Existenz-sicherung einer Praxis benötigt werden. Die Sanierung einer Arztpraxis soll eine fundamentale Gesundung und weiteres Wachstum ermöglichen. Da aber jede Praxis anders ist und die Ursachen von Praxisschieflagen vielfältig sind, gibt es keine Patenrezepte für die Gesundung. Vielmehr lässt sich eine Praxiskrise als Prozess beschreiben, der zu unterschiedlichen Zeitpunkten adäquate Maßnahmen erfordert. Aber welche Maßnahmen sind in welcher Phase passend? Welche Krisenart liegt vor und wie kann ihr begegnet werden? Wie können unterschiedliche Maßnahmensinnstiftend und zielführend zusammengebracht werden? Welche Behinderungen können eintreten?
Diese und andere Fragen sollen im Folgenden – aus der Erfahrung eines Praxisberaters – beantwortet werden.

Was eigentlich ist eine Krise?
Unter dem Begriff Krise versteht man einen problematischen Entscheidungs- oder Wendepunkt. Das Wort selbst stammt aus dem Griechischen (krisis) und bedeutet Meinung, Beurteilung, Entscheidung. Das Wort krisis stammt von dem alt-griechischen Verb krinein ab, das „trennen“ und „unterscheiden“ bedeutet. Man wollte mit dem Wort eine „entscheidende Wendung“ (Duden) beschreiben. Ins Deutsche wurde das Wort von der lateinischen Chrysis entlehnt und ist seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar.

In Anlehnung an Lähn (Marcel V. Lähn, Hedge Fonds, Banken und Finanzkrisen, 2004, S. 23), der auf die etymologischen Wurzeln des Begriffs „Krise“ zurückzugreifen versucht, handelt es sich bei einer Unternehmenskrise um eine schwierige Situation oder Zeit, die den Höhepunkt oder Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt, der durch eine Veränderung der Unternehmenslage ausgelöst wird.

Das psychologische Wörterbuch beschreibt, dass "eine Krise entsteht, wenn ein Mensch sich auf dem Weg zu wichtigen Lebenszielen einem Hindernis gegenübersieht, das er im Augenblick mit seinen üblichen Problemlösungsmethoden nicht bewältigen kann."

Das bedeutet, dass eine Krise keine Bestätigung für das eigene „Versagen“ oder für „Schuld“, keine Dokumentation von „Unvermögen“ oder „Nichtwissen“, kein Nachweis von „Dummheit“ oder für „Fahrlässigkeit“, etwas grundsätzlich „Schlechtes“ oder „Absicht“ des Praxisinhabers ist. Nein, Krise ist immer ein Entscheidungs- und Wendepunkt zum Guten oder in die andere Richtung.

Wie kommt eine Praxis in eine Schieflage?
Die meisten Praxiskrisen entstehen schleichend. Da Krisen als prozesshafte, multikausale Entwicklungen beschreibbar sind, die sich einem bedrohlichen Höhepunkt nähern. Fast immer werden dabei kleine zu großen Problemen. Schwierigkeiten stauen sich ungelöst auf. Normale Abläufe können die Situation nicht bewältigen. Die Situation wird für den Praxisinhaber immer unüberschaubarer. Der Bedarf an Gegensteuerungsmaßnahmen nimmt deutlich zu. Die Probleme übersteigen die Problemlösungskapazitäten der Praxis und ihrer Leitung.

In der Folge treten massive Störungen auf. Unterstützungsfunktionen, z. B. durch Lieferanten oder die finanzierende Bank, versagen. Die Probleme vergrößern sich dadurch. Scheinbare Selbstregulierungsmechanismen funktionieren nicht. Die betroffenen Praxisbetreiber verkennen, verleugnen gegebenenfalls sogar die Lage. Die Praxis und häufig auch die private, wirtschaftliche Situation sind von Zerstörung bedroht.

Bleibt es bei einer Verleugnungs- oder Verdrängungshaltung, ist der Zusammenbruch manchmal die unausweichliche Folge. Die Schwierigkeiten werden zu unüberwindbaren Hindernissen. Kleine Ereignisse, z. B. nicht gezahlte Sozialversicherungsbeiträge, haben drastische Auswirkungen. Es kommt vor, dass grundsätzliche Werte und Normen über Bord geworfen werden. Letztlich wird die Krise durch die Umwelt bestätigt, entwickelt eine Eigendynamik und ist nicht mehr aufzuhalten. Die Praxis- und Privatsituation eskaliert ins Negative...

Weitere Kapitel:

  • Wann befindet sich eine Praxis eigentlich in einer Krise?
  • Das Praxismanagement als Erfolgsfaktor
  • Wie kommt der Arzt eigentlich zu seinem Geld?
  • Die Finanzierung als Erfolgsfaktor - ohne Liquidität ist alles nichts
  • Die richtigen Indikatoren unter die Lupe nehmen
  • Praxiscontrolling - Gebucht ist nicht gesteuert
  • Die Personalentwicklung
  • Das Praxismarketing
  • Der Praxisstandort als Erfolgsfaktor – Es zählt die Lage
  • Was, wenn es eng wird?
  • Welche Insolvenzgründe sind eigentlich zu berücksichtigen?
  • Überschuldung nach § 19 InsO
  • Was eigentlich ist eine Praxissanierung?

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Auszug aus "Krisen meistern – Vom Umgang mit Praxisschieflagen" von Stephan Kock, Geschäftsführer der Kock + Voeste Existenzsicherung für Heilberufe GmbH, Berlin
Erschienen in "Sanierung Freiberufler und wirtschaftlich Selbständige", Finanz Colloquium Heidelberg, 15.11.2012